Kaum beginnen die Schulferien in Deutschland, erinnere ich mich an die gute alte Zeit, als man noch “fürs Leben gelernt hat”. Und mal ehrlich: die Schule und die NFL sind im Grunde dasselbe. Im Unterricht einpennen = im Meeting einschlafen. Schwänzen = Holdout. Standpauke vom Direktor = Anschiss vom Head Coach. Klassenclown in der Pause = Touchdown Dance in der Endzone. Wie in der Schule gibt es auch in der NFL die Coolen, die Typen, die jedes Mädchen abkriegen – und die ewigen Loser. Und genau um die geht es heute!

Glaubt ihr mir nicht? Dann setzt euch mal hin und lasst den Lehrer mal quatschen. Da gibt es die Clique mit den heißen Jungs: Kamm in der Arschtasche, Kippe hinterm Ohr und immer ein freches Lächeln für die Girls. Ich rede von den Green Bay Packers mit ihren 764 Siegen in regulären und Playoff-Spielen und ihren insgesamt 13 NFL-Titeln (inkl. vier Super Bowls), den Pittsburgh Steelers mit ihren 35 Postseason Wins und sechs Super-Bowl-Triumphen oder den Dallas Cowboys, die prozentual die meisten regulären Saisonspiele gewonnen haben (57,3) und zudem fünfmal Champion waren. Und alle Jahre wieder unterstreichen die New England Patriots, dass sie das Maß der Dinge sind. Aktuell stehen fünf Meisterschaften sowie 13 AFC-East-Titel in den letzten 14 Jahren zu Buche.


Doch es gibt auch in jeder Schule und in der NFL die traurigen Randfiguren. Teams, die sind wie der schüchterne Junge, dessen Pickel auszubrechen drohen wie ein wütender Vulkan, sein rothaariger Kumpel aus dem Matheclub, der mit Schweißfahne aber ohne Date zum Abschlussball gehen muss, wie das Mädchen aus dem Nachbarhaus mit Brillengläsern so dick wie Aschenbecher und ner Zahnspange, mit der es jeden Mittelwellenradiosender empfangen kann, oder wie euer Onkel Dieter, der mehr Haare auf den Schultern als auf dem Kopf hat und dessen Atem ganze Landstriche auslöschen könnte.

Kurzum: Es sind die Loser des Tackle-Universums, die Lachnummern von Goodellistan, die traurigen Gestalten der Eier-Welt. Und einige von euch sind auch noch Fan dieser Franchises…

Die Gründe für eure krankhafte Leidenschaft für einen Dauerlutscher sind verschieden. Vielleicht war das Team ausgerechnet in dem Jahr, in dem ihr eure Liebe für Football entdeckt habt, mal gut. Vielleicht habt ihr mal einen Sommer bei eurer Oma Frieda in den USA verbracht und sie hat euch ein viel zu enges T-Shirt des örtlichen Teams geschenkt. Vielleicht fandet ihr die Farben einfach toll (echt jetzt?). Vielleicht habt ihr aber auch einfach nur eine masochistische Ader.

Doch eines vereint euch in eurer Trauer, eurem Frust und eurem Neid auf die anderen: ihr bleibt standhaft. Ihr glaubt an das Gute. Ihr glaubt daran, dass euer Team eines Tages aus den Tiefen der Bedeutungslosigkeit emporsteigt und nach den Sternen greift. Davor ziehe ich meinen Hut. Und ich rufe euch zu:

KEINE CHANCE! EHER WERDE ICH NFL COMMISSIONER ALS DASS EUER TEAM MEISTER WIRD! (zugleich These 28)

Mit „euer Team“ meine ich die 12 Franchises, die ich in dieser und der nächsten Ausgabe des Concussion Protocols auseinandernehmen werde wie das alte, verrottete Getriebe meines Ford F150. Dazu gehören natürlich die vier Teams, die bislang noch nicht einmal auch nur an der Vince Lombardi Trophy schnuppern durften: Detroit, Cleveland, Jacksonville und Houston standen noch nie im Super-Bowl-Finale. Die anderen hier aufgeführten Teams durften sich zum Teil sogar schon als Super Bowl Champion feiern lassen. Doch das war noch in der Steinzeit und seither glänzten sie ebenso wie die Super-Bowl-Loser dieser illustren Runde durch jede Menge erbärmliche Auftritte und verbitterte Fans.

10: Miami Dolphins

Bilanz reguläre Saisonspiele: 439-341-4
Bilanz Playoffs: 20-21
Super-Bowl-Siege: 2
Super-Bowl-Teilnahmen: 5 (zuletzt 1984)
Letzter Playoff-Sieg: 30.12.2000 (6.052 Tage)

Als die lebende Legende Dan Marino in den AFC Divisional Playoffs 1999 nach allen Regeln der Kunst verprügelt wurde und die Dolphins mit 7:62 gegen Jacksonville (!) unterlegen waren, konnte niemand ahnen, dass es noch viel schlimmer kommen sollte in Miami. Denn nur ein Jahr später sollten die Dolphins ihren bislang letzten Playoff-Sieg feiern – mit einem gewissen Jay Fiedler als Quarterback. Der setzte sich trotz drei Interceptions gegen den jungen Peyton Manning durch.

Das war es aber dann mit der Herrlichkeit im Sonnenstaat. Seither gab es nur vier (!) Playoff-Teilnahmen – allesamt endeten mit einem sofortigen Ausscheiden. In diesen vier Partien erzielten die Fins nur magere 24 (!) Punkte. INSGESAMT!

Miami ist nach der Marino-Ära zu einer grauen Maus verkommen. Die eigenen Ansprüche sind so hoch wie die High Heels der Spielerfrauen. Doch außer vielen Trainerwechseln (9 Coaches seit letztem Playoff-Sieg), unterdurchschnittlichen Drafts (Tedd Ginn Jr., Dion Jordan, etc.) und überbezahlten Free Agents (Mario Williams, Gibril Wilson, Jake Grove, etc.) ist nichts geblieben. Und trotz der ersten Playoff-Teilnahme seit 2008 im Januar dieses Jahres bleiben Zweifel an den Möglichkeiten dieses Teams.

Wäre mal an der Zeit für eine Fortsetzung von Ace Ventura. Titel des Films: „Auf der Suche nach dem Sieger-Gen“.

9. Minnesota Vikings

Bilanz reguläre Saisonspiele: 457-387-10
Bilanz Playoffs: 19-28
Super-Bowl-Siege: 0
Super-Bowl-Teilnahmen: 4 (zuletzt 1976)
Letzter Playoff-Sieg: 17.01.2010 (2.747 Tage)

Die Vikings gehören zu den Teams, die alle paar Jahre groß aufkommen, für eine Weile auf einer Welle schwimmen und dann wieder unvollrichteter Dinge abtauchen. Zuletzt war das eben an jenem 17. Januar 2010, als Brett Favre und Adrian Peterson die Dallas Cowboys völlig zerstörten (34:3). Dann gab es die 90er, als Randy Moss, Cris Carter und Daunte Culpepper die Lufthoheit in der NFL hatten. Ende der 80er waren sie die Einzigen, die in der Division den Bears wenigstens halbwegs das Wasser reichen konnten. Die goldenen Zeiten waren aber die 70er, als Minnesota noch unter freiem Himmel spielte und ganze viermal in den Super Bowl einzog – und viermal verlor.

Seit traurigen 41 Jahren warten die treuen Wikinger-Fans auf eine Rückkehr ins Endspiel. Mehrfach standen sie kurz davor, doch in Minneapolis gibt es viele schmerzvolle Erinnerungen an Championship Games. Da gab es das 10:17 gegen die Redskins 1988, als RB Darrin Nelson 56 Sekunden vor dem Ende und an der gegnerischen 6-Yard Linie stehend beim vierten Versuch den Ball in der Endzone fallen ließ. Da gab es das 27:30 nach Verlängerung 1999, als K Gary Anderson rund zwei Minuten vor dem Ende und mit den Vikings sieben Punkte vorn aus 38 Yards Entfernung verzog. Es war sein erstes verschossenes Field Goal nach zwei Jahren (!). Atlanta glich aus und siegte dann in der Verlängerung. Oder es gab das 28:31 OT 2010. Dort standen die Vikings 19 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit an der 33-Yard Linie der Saints. Doch nach einer Auszeit kostete sie eine Strafe wegen zu vieler Spieler auf dem Feld 5 Yards. Statt des Field Goals kam Favre zurück und warf eine Interception. Die Saints nahmen das Momentum mit in die Verlängerung und siegten.

Vikings-Fans gehören zu jener Gattung, die das Championship Game am liebsten ausfallen und einfach überspringen wollen würden.

8: Tampa Bay Buccaneers

Bilanz reguläre Saisonspiele: 250-393-1
Bilanz Playoffs: 6-9
Super-Bowl-Siege: 1
Super-Bowl-Teilnahmen: 1 (zuletzt 2003)
Letzter Playoff-Sieg: 26.01.2003 (5.295 Tage)

Es war der Geniestreich des neuen Jahrtausends. In einem nie dagewesenen Trade kauften die Buccaneers den Raiders ihren Head Coach Jon Gruden ab. Er sollte das aufstrebende Team aus Florida endlich ins gelobte Land führen – dorthin, wo es sein geschasster Vorgänger Tony Dungy trotz Favoritenrolle in vier Playoff-Teilnahmen nicht geschafft hatte. Der Coup gelang: Tampa holte gleich in Jahr 1 der Gruden-Ära den Super Bowl. Im Finale feierten die Bucs einen überlegenen 48:21-Sieg gegen die Raiders – ausgerechnet die Raiders.

Doch die Euphorie war schnell dahin. Denn der Sieg in Super Bowl XXXVII war zugleich der letzte Playoff-Erfolg der Buccaneers. In den nächsten sechs Jahren unter Gruden gab es zwei Playoff-Kurzspiele (Wild-Card-Aus) und drei Losing Seasons. Und während sich immer mehr Experten fragten, wie gut dieser Gruden nun wirklich sei oder ob er einfach nur ein fertiges Team übernommen und zum Titel geführt habe, feierte Dungy in Indianapolis 85 Siege in 112 Saisonspielen und gewann den Super Bowl 2006.

Grudens Nachfolger waren allerdings allesamt noch schlechter. Raheem Morris, Greg Schiano und Lovie Smith brachten es in sieben Jahren auf 36 Siege und 76 Niederlagen. Würde nicht mit Dirk Koetter endlich Licht am Horizont erscheinen, wären die Bucs sicher noch weiter vorn in dieser Liste.

Notiz am Rande: Tampa hat insgesamt die schlechteste Siegesquote aller NFL-Teams. Nur 38,9 Prozent aller Spiele konnten die Bucs seit ihrer Gründung 1976 gewinnen.

Notiz am Rande Rande: Wenn ich die Farben der Trikots und Hosen von früher sehe, lasse ich mir jedes Mal aufs Neue mein Essen durch den Kopf gehen.

7: Los Angeles Teams

Ich habe lange überlegt, wer hier Sinn macht: die Rams oder die Chargers. Am Ende habe ich mich einfach für Los Angeles entschieden. Dieser riesige Moloch musste mehr als 20 Jahre ohne die NFL auskommen. Doch schlussendlich wurden die Gebete der Einwohner der Stadt der Engel erhört: Football is back in town! Doch die Rückkehr der Rams und die Flucht der Chargers aus San Diego machen aus Wasser nicht sofort Wein. Schließlich kommen da zwei Teams, die nicht gerade für erstklassigen Sport stehen – eigentlich ein No Go in der verwöhnten Metropole am Pazifik.

L.A. Rams
Bilanz reguläre Saisonspiele: 544-554-21
Bilanz Playoffs: 19-24
Super-Bowl-Siege: 1
Super-Bowl-Teilnahmen: 3 (zuletzt 2001 / zuletzt als L.A. Rams 1979)
Letzter Playoff-Sieg: 08.01.2005 (4.582 Tage)

Während Tom Bradys Stern mit dem Überraschungs-Coup gegen die St. Louis Rams in Super Bowl XXXVI aufging und seither leuchtend am Himmelszelt steht, verglühte die Sternschnuppe der Rams an jenem Abend. „The Greatest Show on Turf“ war genauso schnell wieder weg, wie sie da war.

Nach dem legendären Kurt Warner kam Marc Bulger. Der ist es auch, der beim bislang letzten Playoff-Sieg der Rams auf dem Feld stand. Am 8. Januar 2005 fing zudem ein gewisser Itula Mili 6 Pässe für 98 Yards – das waren 6 Catches und 98 Yards mehr als Jerry Rice, der auf der Gegenseite in seinem letzten NFL-Spiel trotz Platz in der Seahawks-Startaufstellung und trotz 43 Pässen von Matt Hasselbeck nur ein Schatten auf dem Feld war. Das ist jetzt 4.582 Tage her. Beziehungsweise 12 Jahre.

Elf davon verbrachten die Rams in St. Louis. In einem Dome, der langsam vor sich hinrottete, mit wechselnden Quarterbacks und Coaches – und ohne jeden Erfolg. L.A. schien so verlockend. Doch gleich Jahr 1 in Hollywood war alles andere als ein Blockbuster. Fragt sich, wie geduldig die Fans in Los Angeles sind. Die warten schließlich seit über 30 Jahren auf einen Playoff-Sieg der Rams.

Am 4. Januar 1986 gab es das bislang letzte Postseason-Spiel in L.A. Die Rams fertigten die Cowboys mit 20:0 ab. RB Eric Dickerson hatte sagenhafte 248 Yards und 2 TDs bei 34 Läufen. Er brauchte auch einen legendären Tag, schließlich brachte sein QB Dieter Brock (ja, euer Onkel Dieter) nur 6 Pässe für 50 Yards an.

L.A. Chargers

Bilanz reguläre Saisonspiele: 426-431-11
Bilanz Playoffs: 11-17
Super-Bowl-Siege: 0
Super-Bowl-Teilnahmen: 1 (zuletzt 1994)
Letzter Playoff-Sieg: 05.01.2014 (1.298 Tage)

Warum stehen die Chargers auf meiner Liste, wenn sie doch zuletzt 2014 ein Playoff-Spiel gewinnen konnten und acht ihrer letzten 13 Spielzeiten mit einer positiven Bilanz beendet haben? Weil die Chargers in jüngerer Vergangenheit einfach alles falsch gemacht haben!

Zuerst hat sich Owner Alex Spanos mehr und mehr von den Fans in San Diego abgewandt. Gleichzeitig ging es in den vergangenen beiden Jahren sportlich bergab und daraus entstand eine Mischung aus Frust und Gleichgültigkeit bei den Chargers-Anhängern in San Diego. Jetzt ist ihr Team weg und die Fans sind mit einem alten Betonkasten alleingelassen worden. Schwer vorstellbar, dass wir in naher Zukunft wieder NFL-Football in der schönsten Stadt Kaliforniens sehen werden.

Die Chargers sind gen Norden gezogen und haben da weitergemacht, wo sie in San Diego aufgehört hatten: Head Coach Anthony Lynn stellte sich bei seiner ersten Pressekonferenz als Trainer der San Diego Chargers vor. Ein Logo wurde präsentiert, über das sich selbst der Papst lustig gemacht hat (aber nur im Verborgenen). Dazu zog man in ein Stadion, das so klein ist wie ein Schuhkarton.

Kurz gesagt: Die Chargers sind zwar in Los Angeles. Aber sie sind weder angekommen noch sind sie willkommen.

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Bleiben die sechs schlimmsten Versager der NFL-Geschichte übrig. Ich kann euch jetzt schon verraten, ihr werdet die eine oder andere Überraschung erleben. Also schont eure Stimmbänder, damit ihr mich auch in der kommenden Woche beschimpfen könnt.

In diesem Sinne,
Euer Stolle

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Stolle
Geschrieben von Stolle
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