Hall of Crime: Gregg Williams und das Bountygate
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Inhaltsverzeichnis
Der Podcast zum Fall:
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Weitere InformationenDer Aufstieg der Helden
New Orleans im Herbst 2009: Die Luft ist feucht, der Himmel tiefblau, und im Louisiana Superdome brüllt ein Publikum, das mehr als nur einen Sieg sehen will. Vier Jahre sind vergangen, seit Hurricane Katrina ganze Viertel der Stadt zerstörte und Hunderttausende aus ihren Häusern trieb. Die Saints waren damals heimatlos, mussten in fremden Stadien antreten – und kehrten erst 2006 in ihr Stadion zurück.
2009 ist alles anders. Sean Payton, seit drei Jahren Head Coach, hat ein Team geformt, das schneller, mutiger, explosiver ist als je zuvor. Angeführt von Quarterback Drew Brees, einem Mann mit chirurgischer Präzision im Arm und der Ruhe eines Pokerprofis, spielen die Saints eine Saison, die wie ein Drehbuch wirkt: 13 Siege, 3 Niederlagen – Heimrecht in den Playoffs.
In diesem Jahr betritt auch Gregg Williams die Bühne – der neue Defensive Coordinator. Williams kommt mit Ruf: aggressiv, furchtlos, bekannt für seinen Satz „Kill the head and the body will die“.
Ein ehemaliger Spieler erinnert sich: „Wenn Gregg den Raum betrat, wurde es still. Nicht, weil wir Angst hatten – okay, vielleicht ein bisschen – sondern weil wir wussten: Gleich kommt was, das uns auf 110 Prozent bringt.“ Williams bringt nicht nur neue Spielzüge, er bringt auch eine Philosophie. Harter Football ist für ihn nicht nur erlaubt, sondern Pflicht. Hits, die wehtun, sollen den Gegner mental brechen.
Ein Journalist schrieb damals: „In diesem Dome war es, als würde die Stadt den Atem anhalten – und dann alles herausbrüllen, was sie in den letzten Jahren ertragen musste.“
In diesem Jahr besiegen sie die Indianapolis Colts im Super Bowl XLIV. Die Lombardi Trophy glänzt, Brees hebt seinen kleinen Sohn hoch, Konfetti fällt von der Stadiondecke. Die Saison trägt New Orleans durch ein kollektives Hoch. Jeder Sieg wird zur Party, jeder Touchdown ein Statement, dass diese Stadt zurück ist. In den Playoffs schlagen sie die Arizona Cardinals, dann folgt das NFC Championship Game gegen die Minnesota Vikings – ein Spiel, das in die Geschichte eingehen wird.
Denn während die Stadt feiert, beginnen in den stillen Ecken der Kabine Gespräche, die nichts mit Siegesparaden zu tun haben. Umschläge wechseln den Besitzer. Summen werden notiert. Begriffe wie „Knockout“ und „Cart-off“ tauchen auf – Codewörter, die in der öffentlichen Version der Saints niemals vorkommen sollen. Ein Backup-Spieler beschreibt Jahre später anonym: „Es war wie ein Nebenkriegsschauplatz. Auf dem Feld spielten wir um Punkte, daneben ging es um Respekt – und um Cash.“
Noch weiß niemand außerhalb der Kabine, dass hier ein Spiel auf zweiter Ebene läuft. Eines, das nicht auf Scoreboards erscheint. Doch schon in der folgenden Saison wird aus der internen Motivation ein System – und das System wird bald zum Kern eines Skandals, den Football so noch nicht gesehen hat.
Das unsichtbare Programm
Frühjahr 2010, Saints-Trainingsgelände in Metairie, Louisiana.
Die Super-Bowl-Ringe sind noch nicht verteilt, da sitzen die Führungsspieler der Defense bereits in einem fensterlosen Raum, zusammen mit Defensive Coordinator Gregg Williams. Auf dem Whiteboard steht nicht nur die übliche Gegneranalyse. Neben Formationen und Namen tauchen kryptische Markierungen auf: KO. CO. Manch einer weiß sofort, was gemeint ist.
Der Code
• Knockout (KO): Der Gegenspieler verlässt das Feld und kehrt nicht zurück – $1.500 Belohnung.
• Cart-off (CO): Der Gegner muss mit dem medizinischen Cart abtransportiert werden – $1.000.
• Playoff-Bonus: Summen werden in der Postseason verdoppelt oder verdreifacht.
Ein ehemaliger Linebacker erklärt später anonym: „Es ging nicht darum, jemanden billig zu verletzen – es war ein Spiel im Spiel. Für uns war es wie ’ne Bonuszahlung für das, was wir sowieso tun sollten.“
Das Geld kam nicht von der Organisation – offiziell. Stattdessen war es eine Art Gemeinschaftstopf, gespeist aus „Beiträgen“ der Spieler. Wer eine große Aktion feierte, legte manchmal extra Geld drauf.
Der legendärste Moment: Vor dem NFC Championship Game 2009 gegen die Vikings legt Linebacker Jonathan Vilma angeblich $10.000 in bar auf den Tisch. Ziel: Brett Favre aus dem Spiel nehmen. Ob Mythos oder Tatsache – die NFL wird später genau diesen Vorfall als Schlüsselmoment im Skandal nennen.
Gregg Williams war kein Mann der Samthandschuhe. Seine Vorbesprechungen waren legendär – und brutal. Spieler erinnern sich an Sätze wie: „Zerstört das Timing. Zerstört das Selbstvertrauen. Und wenn ihr die Chance habt – zerstört den Mann.“ Für Williams war es psychologische Kriegsführung. Er wusste: Wenn seine Spieler mit diesem Mindset aufs Feld gehen, würden sie schneller, härter und kompromissloser spielen.
Nicht jeder im Team war begeistert. Ein Assistant Coach – Mike Cerullo – soll intern Bedenken geäußert haben. Später wird genau er zum Whistleblower, der die NFL informiert. Doch im Jahr 2010 bleibt alles intern. Die Saints spielen weiter erfolgreich, die Fans ahnen nichts, die Liga schweigt.
Von außen betrachtet ist die Saints-Defense einfach hart. Von innen gesehen ist sie ein gut geöltes System mit eigenen Regeln und eigener Währung. Und in diesem System kann ein perfekt getimter Hit mehr wert sein als jede Interception. Noch kann niemand ahnen, dass das System schon bald in einem der meistgesehenen Spiele der NFL-Geschichte auf die härteste Probe gestellt wird – und vor laufenden Kameras so wirken wird, als hätte es nur ein Ziel: den gegnerischen Star-Quarterback zu Boden zu schicken.
Die Jagd auf Brett Favre
25. Januar 2010 – Louisiana Superdome, NFC Championship Game.
Das Dach vibriert. Über 70.000 Fans, in Schwarz und Gold, brüllen, als die Minnesota Vikings das Feld betreten. Unter ihnen: Brett Favre – 40 Jahre alt, dreimaliger MVP, und immer noch mit einem Wurfarm wie aus Stahl. Für viele ist er der Inbegriff von Football-Romantik: ein ewiger Gunslinger, der noch einmal ins große Finale will.
Doch an diesem Abend steht ihm mehr entgegen als nur eine starke Defense: Erstes Viertel, Favre wirft präzise, bewegt die Vikings übers Feld. Doch dann – ein Hit von Defensive Tackle Remi Ayodele, hart, direkt nach dem Pass. Favre steht auf, klopft sich ab, lächelt fast spöttisch.
Aber an der Saints-Sideline ist klar: Das war nur der Anfang. „Affect the head“, hatte Gregg Williams in der Woche davor gesagt. „Zerstört seine Basis. Wenn er humpelt, wird er Fehler machen.“
Zweites Viertel – Linebacker Jonathan Vilma kommt durch, trifft Favre tief. Wenig später schlägt Safety Roman Harper zu. Favre bleibt kurz liegen, rappelt sich auf. Einige Hits sind grenzwertig, manche klar verspätet. Doch es gibt keine Ejections, keine massiven Strafen. Es ist 2010 – die NFL spricht zwar von Player Safety, aber Quarterbacks wie Favre gelten noch als fast unzerstörbar.
Drittes Viertel, Spielstand eng. Favre läuft selbst, versucht Raum zu gewinnen. Bobby McCray trifft ihn tief, Anthony Hargrove oben – ein High-Low-Hit, der sein rechtes Bein einklemmt. Favre bleibt liegen, das Stadion bebt. Auf den TV-Bildern sieht man sein verdrehtes Knöchelband. Später wird sich herausstellen: Knöchelverstauchung dritten Grades und eine Prellung. Favre humpelt, weigert sich aber, rauszugehen. Er bleibt im Spiel – und wird weiter getroffen.
Das bittere Ende
Mit weniger als einer Minute in der regulären Spielzeit steht Minnesota in Field-Goal-Reichweite. Doch Favre, sichtlich eingeschränkt, wirft quer über das Feld – Interception durch Tracy Porter. Overtime. Die Saints gewinnen mit einem Field Goal. New Orleans zieht in den Super Bowl ein.
Die Fernsehkameras zeigen Favre, wie er in den Katakomben verschwindet – das rechte Bein steif, die Augen leer. Später sagt er: „Ich bin aufgestanden, so oft ich konnte. Nicht, weil ich musste, sondern weil ich ihnen nicht das Gefühl geben wollte, gewonnen zu haben.“
Ein Spiel, das Fragen hinterlässt
Offiziell ist es einfach hart gespielter Playoff-Football. Inoffiziell beginnen schon bald Gerüchte zu zirkulieren: War es Zufall, dass Favre derart oft und gezielt getroffen wurde? Warum sah die Saints-Defense aus, als spiele sie eine zweite, geheime Mission?
Erst zwei Jahre später wird die NFL sagen: Genau hier, in diesem Spiel, wurde das Bounty-System in seiner brutalsten Form sichtbar. Was 2010 noch ein Gerücht war, wird 2012 zur Tatsache. Und der Grund dafür ist nicht ein Spiel, sondern ein Tonband – aufgenommen in der Saints-Kabine, Sekunden vor dem Kickoff.
Die New Orleans Saints sind im Candlestick Park zu Gast, um gegen die 49ers zu spielen. Im Lockerroom der Gäste hängt der Geruch von Tape, Desinfektionsmittel – und Spannung. Die Musik ist aus. Nur das Summen der Neonlichter und das Rascheln von Schulterpolstern ist zu hören.
Gregg Williams betritt den Raum Er steht vorne, schwarze Kappe tief ins Gesicht, die Stimme rau. Kein Whiteboard, keine Xs und Os. Nur Worte – schneidend, zielgerichtet.
„We’ve got to affect the head of these guys. Especially the wide receivers – hit them in the chin, in the head. We’ve got to do everything in the world to make sure we kill Frank Gore’s head. He becomes a different back.”
Die Spieler nicken. Manche lächeln dünn. Das ist keine Taktikbesprechung – das ist eine Kriegserklärung.
Williams zählt Namen auf:
• Michael Crabtree – „We need to decide right now, he becomes one of our targets.”
• Kyle Williams – „He’s got a concussion history. We want to put pressure on that.”
• Frank Gore – „Kill the head, and the body will die.”
Für Außenstehende klingt es wie eine Anleitung zur Körperverletzung. Für Spieler, die diese Kultur gewohnt sind, ist es Teil des Vokabulars – doch die Grenzen zwischen erlaubter Motivation und verbotener Gewalt verschwimmen.
Was niemand in diesem Raum wusste: Im hinteren Teil sitzt Sean Pamphilon, Filmemacher. Er arbeitet an einer Dokumentation über Saints-Legende Steve Gleason, der an ALS erkrankt ist. Pamphilon hat Mikrofone im Raum, um den Teamgeist einzufangen. Stattdessen nimmt er Sätze auf, die Jahre später als Smoking Gun gelten werden.
Pamphilon erinnert sich: „Es war einer dieser Momente, wo ich wusste: Wenn ich das jemals veröffentliche, explodiert alles.“ Am 5. April 2012 geht das Audio online – ungefiltert. ESPN, CNN, alle großen US-Medien spielen die Sequenzen in Dauerschleife. Fans, Funktionäre und Spieler sind gleichermaßen geschockt.
Die Reaktionen spalten sich. Die einen sagen: „Das ist Football. Hart, brutal, wie er immer war.“ Die anderen: „Das ist der Beweis, dass Bountygate real war – und dass es nicht nur um Motivation ging, sondern um gezielte Verletzungsabsicht.“
Der Bruch im Team
Steve Gleason, dessen Doku-Material als Quelle diente, ist wütend, dass Pamphilon das Band ohne seine Zustimmung veröffentlichte. Für ihn fühlte es sich wie ein Verrat an. Für Pamphilon war es moralische Pflicht. Die Saints-Community war gespalten – nicht nur wegen des Skandals, sondern auch wegen der Art, wie er ans Licht kam.
Die NFL kann jetzt nicht mehr so tun, als gäbe es nur Gerüchte. Wenige Tage nach der Veröffentlichung werden Strafen verkündet, wie es sie in dieser Härte noch nie gegeben hat. Coaches verlieren ihre Jobs, Spieler werden gesperrt – und Commissioner Goodell setzt ein Exempel.
Die Vorwürfe
• Betrieb eines illegalen Bounty-Programms 2009–2011.
• Prämien für das Ausschalten gegnerischer Spieler.
• Vertuschung und Lügen gegenüber der Liga.
Die Verantwortlichen laut der NFL:
Sean Payton – Head Coach, der „nichts wusste“ oder „weggesehen“ hat.
Mickey Loomis – General Manager, der Aufsichtspflichten verletzt hat.
Joe Vitt – Assistant Head Coach, der das Programm mitlaufen ließ.
Gregg Williams – der Architekt des Systems.
Am 21. März 2012 fällt Goodell das härteste Strafmaß, das die Liga je gegen Teamführung ausgesprochen hat:
• Payton: 1 Jahr Sperre – beispiellos für einen Head Coach.
• Loomis: 8 Spiele Sperre.
• Vitt: 6 Spiele Sperre.
• Williams: auf unbestimmte Zeit gesperrt.
• Saints-Organisation: $500.000 Strafe, 2.-Runden-Draftpicks 2012 & 2013 entzogen.
Kurz darauf folgen die Spielersperren: Jonathan Vilma (Saison 2012 komplett), Anthony Hargrove (8 Spiele), Will Smith (4 Spiele), Scott Fujita (3 Spiele).
Goodell sagt mit fester Stimme: „Dieses Verhalten gefährdet die Sicherheit der Spieler und beschädigt die Integrität unseres Spiels.“ Die Angeklagten geben sich nicht geschlagen. Anwälte marschieren auf, Klagen werden eingereicht, die NFLPA fordert ein faires Verfahren.
Und dann kommt die Wendung: Für die Berufung setzt Goodell ausgerechnet seinen Vorgänger Paul Tagliabue als „Richter“ ein – einen Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung, aber ohne Rücksicht auf Goodells politisches Kalkül.
Am 12. Dezember 2012 entscheidet Tagliabue: Alle Spielersperren werden aufgehoben mit der Begründung: Die Faktenlage belege zwar ein „Pay-for-Performance“-System, aber die Hauptverantwortung liege bei Coaches und Management, nicht bei den Spielern.
Auch die NFL bekommt ihr Fett weg: Die Liga habe teilweise voreilig und ohne vollständige Beweise entschieden. In einem Statement betont er: „Disziplin muss gerecht, verhältnismäßig und auf solide Beweise gestützt sein. In diesem Fall war das nicht immer so.“
Goodells Autorität hat Kratzer bekommen. Offiziell bleiben die Strafen gegen Coaches und Organisation bestehen – doch in der öffentlichen Wahrnehmung hat der „Richter“ Tagliabue dem „Ankläger“ Goodell die härtesten Waffen aus der Hand genommen.
Für viele Fans bleibt hängen: Die Spieler waren nicht die Hauptschuldigen, und der Prozess wirkte wie ein Schnellschuss.
Doch während der Liga-Boss versucht, seine Glaubwürdigkeit zu retten, tobt auf einer anderen Ebene bereits das Nachspiel – Karrieren enden, andere blühen wieder auf. Und in New Orleans bleibt eine Frage: Kann man jemals wieder so feiern wie 2009, wenn man weiß, was dahinterstand?
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