Der Fall Aaron Hernandez: Mord, Freispruch und die Frage nach CTE
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Inhaltsverzeichnis
Im Sommer 2012 unterschreibt Aaron Hernandez bei den New England Patriots einen Vertrag über rund 40 Millionen US-Dollar. Er ist 22 Jahre alt, spielt mit Tom Brady und bildet mit Rob Gronkowski eines der gefährlichsten Tight-End-Duos der Liga. Zehn Monate später wird er in Handschellen aus seinem Haus geführt. Die 28. Folge von Hall of Crime erzählt, wie aus einem der größten Talente seiner Generation ein verurteilter Mörder wurde – und warum die Frage nach dem „Warum“ bis heute offen ist.
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Weitere InformationenWer war Aaron Hernandez?
- Geboren: 6. November 1989, Bristol (Connecticut)
- Position: Tight End
- College: University of Florida (2007–2009), College-Meister 2008, John Mackey Award 2009
- Draft: 2010, 4. Runde, Pick 113 (New England Patriots)
- NFL: Patriots 2010–2012, Super Bowl XLVI
- Gestorben: 19. April 2017 im Gefängnis, mit 27 Jahren
Aufgewachsen ist Hernandez in Bristol, einer Arbeiterstadt westlich von Hartford. Sein Vater Dennis war in der Stadt eine Respektsperson, früher selbst ein Footballstar. Zu Hause soll er nach Darstellung von Aarons Bruder D.J. hart und gewalttätig gewesen sein, und er trieb beide Söhne unerbittlich zum Sport. Als Aaron 16 ist, stirbt der Vater überraschend nach einer Routine-Operation. Viele aus seinem Umfeld sehen in diesem Verlust rückblickend den Moment, an dem sein Leben zu kippen begann.
Sportlich ist er trotzdem eine Ausnahmeerscheinung. In Florida gewinnt er mit Tim Tebow 2008 die College-Meisterschaft und wird 2009 als bester Tight End des Landes ausgezeichnet. Gleichzeitig häufen sich die Warnsignale: ein nicht bestandener Drogentest, eine Schlägerei in einer Bar, eine Befragung nach einer Schießerei. Angeklagt wird er in Gainesville nie. Im Draft rutscht er trotz seines Talents bis in die vierte Runde – die Teams haben die Geschichten gehört.
Wie war Aaron Hernandez bei den Patriots?
Auf dem Feld liefert er sofort. 2011 fängt er für 910 Yards und sieben Touchdowns, im Super Bowl XLVI gegen die Giants steht er in der Startformation. Im August 2012 belohnen ihn die Patriots mit einer Vertragsverlängerung über fünf Jahre und rund 40 Millionen US-Dollar.

Abseits davon zeichnen Mitspieler später das Bild eines unberechenbaren Mannes. Er sei im Locker Room laut und albern gewesen und im nächsten Moment voller Wut, berichteten ehemalige Teamkollegen. Er umgab sich mit Freunden aus Bristol, die nicht in die Welt der NFL passten. Laut einem viel beachteten Bericht des Rolling Stone wurde er nach dem großen Vertrag zunehmend paranoid, konsumierte Drogen und trug ständig eine Waffe bei sich. Wie viel die Patriots davon wussten, ist bis heute umstritten.
Was geschah mit Odin Lloyd?
Odin Lloyd war 27, spielte semiprofessionell Football und war mit der Schwester von Hernandez’ Verlobter Shayanna Jenkins zusammen. Am 17. Juni 2013 wird er in einem Industriegebiet in North Attleborough, Massachusetts, erschossen aufgefunden – rund eineinhalb Kilometer von Hernandez’ Haus entfernt.
Es gibt keine Augenzeugen, und die Tatwaffe wird nie gefunden. Trotzdem setzt die Staatsanwaltschaft eine dichte Kette aus Indizien zusammen: Bilder aus Hernandez’ eigener Überwachungsanlage, Handydaten, DNA-Spuren, Schuhabdrücke und eine Patronenhülse im Mietwagen, die zu den Hülsen am Tatort passt. Am 26. Juni 2013 wird Hernandez festgenommen. Die Patriots entlassen ihn rund 90 Minuten später.
War Aaron Hernandez schuldig?
Im Fall Odin Lloyd: ja, nach dem Urteil der Geschworenen. Im Prozess 2015 räumte sogar die Verteidigung ein, dass Hernandez am Tatort war – sie stellte ihn aber als hilflosen Zeugen dar und beschuldigte die beiden Mitangeklagten Ernest Wallace und Carlos Ortiz. Die Jury folgte dem nicht. Am 15. April 2015 wird Hernandez wegen Mordes ersten Grades zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt. Wallace und Ortiz werden später wegen Beihilfe verurteilt.
Ausgerechnet in jenem Winter gewinnen die Patriots den Super Bowl XLIX gegen Seattle – während ihr ehemaliger Tight End im Gerichtssaal sitzt.
Der zweite Fall: der Doppelmord von Boston
Nach der Festnahme rollen Ermittler einen alten Fall neu auf. Im Juli 2012 waren vor einem Bostoner Nachtclub zwei Männer in ihrem Auto erschossen worden: Daniel de Abreu und Safiro Furtado, beide Ende 20, Einwanderer von den Kapverden, die nachts als Reinigungskräfte arbeiteten. Ein dritter Mann überlebte verletzt. 2014 wird Hernandez auch dafür angeklagt.

Die Anklage stützt sich vor allem auf Alexander Bradley, einen früheren Freund von Hernandez. Er sagt aus, ein verschüttetes Getränk im Club habe den Streit ausgelöst. Bradley hatte 2013 selbst ein Auge durch einen Schuss verloren, den er Hernandez zuschrieb. Die Verteidigung um Jose Baez zerlegt seine Glaubwürdigkeit als vorbestrafter Drogenhändler mit Immunitätsdeal. Am 14. April 2017 sprechen die Geschworenen Hernandez in diesem Fall frei.
Fünf Tage später, am 19. April 2017, wird Aaron Hernandez tot in seiner Zelle gefunden. Er hat sich das Leben genommen.
Hatte Aaron Hernandez CTE?
Ja. Seine Familie übergab sein Gehirn dem CTE-Zentrum der Boston University. CTE steht für chronisch-traumatische Enzephalopathie, eine fortschreitende Hirnerkrankung, die mit wiederholten Schlägen auf den Kopf in Verbindung gebracht wird. Sie kann zu Gedächtnisverlust, Stimmungsschwankungen, Aggression und Kontrollverlust führen und lässt sich bisher nur nach dem Tod sicher feststellen.
Im November 2017 stellte die Neuropathologin Ann McKee den Befund vor: CTE im Stadium 3 von 4, ein Ausmaß, das ihr Team sonst nur bei deutlich älteren Spielern gesehen hatte. Besonders geschädigt waren die Frontallappen – die Hirnregion, die Urteilsvermögen und Impulskontrolle steuert.
Erklärt CTE die Taten? Ein direkter Zusammenhang ist nicht bewiesen. Die Erkrankung passt zu seinem enthemmten, paranoiden Verhalten, aber sie erklärt nicht zwangsläufig einen geplanten Mord. Daneben stehen eine belastende Kindheit, der frühe Tod des Vaters, Drogen und ein kriminelles Umfeld. CTE ist ein Teil der Geschichte, nicht ihre ganze Erklärung.
Was geschah nach seinem Tod?
- Das Urteil: Nach einer alten Regel in Massachusetts wurde die Verurteilung zunächst aufgehoben, weil Hernandez vor dem Ende seiner Berufung gestorben war. Im März 2019 schaffte das höchste Gericht des Bundesstaats diese Regel ab und stellte das Urteil wieder her.
- Die Familien der Opfer: Die Mutter von Odin Lloyd und die Familien von de Abreu und Furtado verklagten den Nachlass und einigten sich außergerichtlich.
- Die Klage gegen die NFL: Eine Klage im Namen seiner Tochter gegen die NFL und den Helmhersteller Riddell scheiterte, weil die Frist zum Ausstieg aus dem großen Gehirnerschütterungs-Vergleich der Liga verstrichen war.
- Die Aufarbeitung: Netflix brachte 2020 die Doku „Killer Inside: The Mind of Aaron Hernandez“, 2024 folgte die Serie „American Sports Story“.
Fazit: Täter, Kranker – oder beides?
Odin Lloyd ist tot, und ein Gericht hat Aaron Hernandez dafür verurteilt. Daran ändert keine Diagnose etwas. Und doch bleibt der Fall unbequem: Ein junger Mann mit schwerer Kindheit, der in Florida und Foxborough vor allem als Talent gesehen wurde, trug eine Hirnerkrankung mit sich, die genau die Region zerstört, die einen Menschen bremst. Wie viel davon war er selbst, wie viel seine Umstände und sein Gehirn? Genau dieser Frage geht die Folge nach.
Was meint ihr: Wie viel Verantwortung tragen die Teams, die so lange weggeschaut haben?
Dieser Artikel behandelt einen Suizid. Wenn es dir nicht gut geht oder du Suizidgedanken hast: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, kostenlos und anonym.
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