Hall of Crime: Filchock & Hapes – wie ein Wettskandal den Injury Report erzwang
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Inhaltsverzeichnis
New York, Samstagnacht, 14. Dezember 1946. Zwei Spieler der Giants werden aus ihrem Hotel geholt und in die Residenz des Bürgermeisters gebracht. Am nächsten Nachmittag sollen sie im NFL-Endspiel gegen die Chicago Bears stehen. Stattdessen sitzen sie nun einzeln vor dem Bürgermeister, dem Polizeichef und dem Commissioner der Liga. Die Frage an beide ist dieselbe: Hat euch jemand Geld geboten, um das Spiel zu verlieren? Merle Hapes sagt Ja. Frank Filchock sagt Nein. Die 35. Folge von Hall of Crime erzählt, was diese beiden Antworten aus zwei Leben gemacht haben – und wieso die Nacht bis heute in jedem Injury Report steckt.
Zum Podcast:
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Weitere InformationenWer waren Frank Filchock und Merle Hapes?
Frank Filchock
- Position: Quarterback
- Team 1946: New York Giants
- Vertrag: 3 Jahre/35.000 US-Dollar
- Später: Grey-Cup-Sieger 1949 mit den Montreal Alouettes, 1960 erster Headcoach der Denver Broncos
- Gestorben: 20. Juni 1994
Merle Hapes
- Position: Fullback
- Team 1946: New York Giants
- Später: Grey-Cup-Sieger 1953 mit den Hamilton Tiger-Cats, seit 1993 in der Mississippi Sports Hall of Fame
- Gestorben: 18. Juli 1994
Wie kam das Wett-Syndikat an die Spieler?
Über einen Mann, den man mochte. Alvin J. Paris, 28 Jahre alt, war in Manhattan der Typ, den man auf Partys traf: gut angezogen, großzügig, immer mit einer Einladung ins nächste Restaurant. Dass er das Gesicht eines Wett-Syndikats aus Elizabeth, New Jersey, war, sah man ihm nicht an. In den Wochen vor dem Endspiel wurde er für Filchock und Hapes zu so etwas wie einem Freund.
Dann kam das erste Geschenk. Vor dem letzten Saisonspiel gegen Washington setzte Paris je 500 US-Dollar auf einen Giants-Sieg – offenbar ohne dass die beiden davon wussten. Nach dem Sieg drückte er ihnen den Gewinn in die Hand. Hapes nahm das Geld ohne lange nachzudenken. Filchock zögerte und ließ sich überreden. Heute würde man das Grooming nennen, also das schrittweise Aufbauen von Vertrauen, bis eine Grenze nicht mehr wie eine Grenze wirkt.
Das eigentliche Angebot folgte vor dem Endspiel: je 2.500 US-Dollar, dazu der Gewinn aus einer 1.000-Dollar-Wette darauf, dass Chicago mit mehr als zehn Punkten gewinnt, und Jobs für die Offseason im Wert von rund 15.000 US-Dollar. Für Filchock, der bei den Giants 35.000 US-Dollar für drei Jahre verdiente, war das viel Geld.
Was passierte in der Nacht vor dem Spiel?
Ausgerechnet die Quoten verrieten das Syndikat. Auf die Bears wurde plötzlich auffällig viel Geld gesetzt, die Polizei hörte Paris’ Telefon ab und hörte die Namen Filchock und Hapes. Am Samstag kamen Bürgermeister William O’Dwyer, Commissioner Bert Bell, Polizeichef Arthur Wallander und Giants-Besitzer Tim Mara zusammen. O’Dwyer ließ die beiden Spieler holen.
Hapes gab zu, angesprochen worden zu sein. Filchock bestritt alles. Gegen zwei Uhr nachts, zwölf Stunden vor dem Kickoff, ging die Staatsanwaltschaft an die Öffentlichkeit. Bell erklärte, kein Spieler habe Bestechungsgeld angenommen, das Spiel finde statt.
Aber: Nur einer der beiden durfte spielen. Hapes, der die Wahrheit gesagt hatte, wurde gesperrt. Filchock, der gelogen hatte, lief am nächsten Tag auf.
Wie lief das Endspiel?
Man muss sich die Szene vorstellen: Polo Grounds, 15. Dezember 1946, die Stadt kennt die Schlagzeilen aus der Nacht. Als Filchocks Name aufgerufen wird, buhen die eigenen Fans. Er spielt trotzdem. Im Laufe des Spiels bricht er sich die Nase, bleibt auf dem Feld und wirft beide Touchdowns der Giants, auf Frank Liebel und Steve Filipowicz.
Es reicht nicht. 9 von 26 Pässen, 128 Yards, sechs Interceptions – kein Quarterback vor ihm hatte so viele in einem Playoff-Spiel geworfen. Chicago gewinnt mit 24:14. Zehn Punkte Unterschied, exakt die Linie der Buchmacher. Ob ein Mann mit gebrochener Nase und sechs Interceptions absichtlich verloren hat oder einfach einen schrecklichen Tag hatte, lässt sich bis heute nicht beantworten.
Welche Strafen gab es?
Am 8. Januar 1947 wurde Paris wegen Bestechung verurteilt. Am selben Tag sperrte Bell beide Spieler, obwohl der Richter Filchock nicht als Mittäter, sondern als Opfer der Umstände sah. In einem zweiten Prozess sagte Paris als Kronzeuge gegen die Hintermänner David Krakauer, Jerome Zarowitz und Harvey Stemmer aus. Die drei bekamen fünf bis zehn Jahre Haft. Paris selbst erhielt ein Jahr und kam nach neun Monaten auf Bewährung frei.
Bell verlängerte die Sperren danach auf unbestimmte Zeit. Der Vorwurf: Die Spieler hätten der Liga geschadet, weil sie den Bestechungsversuch nicht gemeldet hatten. Ein Detail ist bis heute offen. Die Quellen widersprechen sich, ob Filchock vor Gericht unter Eid eine Zahlung eingeräumt oder bestritten hat.
Was wurde aus Filchock und Hapes?
Beide fingen in Kanada neu an. Filchock wurde dort zunächst von den Verbänden blockiert, kämpfte sich durch und gewann 1949 mit Montreal den Grey Cup. Im Juli 1950 hob Bell seine Sperre auf, auch weil sich ausgerechnet Bürgermeister O’Dwyer für ihn einsetzte. Die Giants wollten ihn trotzdem nicht zurück. Filchock bestritt noch ein einziges NFL-Spiel für die Baltimore Colts und wurde 1960 der erste Headcoach der Denver Broncos.
Hapes musste länger warten. Er wurde erst 1954 begnadigt und kehrte nie in die NFL zurück. 1953 gewann er mit Hamilton den Grey Cup, danach arbeitete er bis 1982 im öffentlichen Dienst. Die Nacht beim Bürgermeister hat er nie verwunden. Noch Jahrzehnte später sah er sich als den, der für seine Ehrlichkeit bezahlt hat.
Am Ende trennten die beiden nur noch vier Wochen. Filchock starb am 20. Juni 1994, Hapes am 18. Juli 1994. 48 Jahre nach der Nacht, in der der eine Ja und der andere Nein gesagt hatte.
Was hat das mit dem Injury Report zu tun?
Bert Bell rechnete nach dem Skandal damit, seinen Job zu verlieren. Stattdessen verlängerten die Owner seinen Vertrag um fünf Jahre. Bell nutzte die neue Macht, um die Liga gegen Wettbetrug abzusichern: härtere Regeln, strengere Strafen, mehr Kontrolle.
Denn: Wer vor einem Spiel weiß, welcher Starter angeschlagen ist, hat beim Wetten einen Vorteil – und ist für ein Syndikat wie das von Paris interessant. Bell-Biografen sehen in diesem Gedanken den Ursprung der verpflichtenden Verletzungsmeldungen. Wenn alle die Information haben, ist sie für Wettbetrüger nichts mehr wert.
Wer heute am Freitag auf den Injury Report schaut, um seine Fantasy-Aufstellung zu setzen, liest also ein Stück Geschichte mit. Fast 80 Jahre später ist die NFL selbst Partnerin von Sportwettenanbietern. Die Fragen von damals sind dadurch nicht kleiner geworden.
Fazit: Wieso wurde die Wahrheit härter bestraft als die Lüge?
Beide Spieler haben denselben Fehler gemacht: Sie haben den Kontakt zu Paris nicht gemeldet. Aber Filchock bekam für seine Lüge ein Endspiel und später eine Rückkehr in die NFL. Hapes bekam für seine Ehrlichkeit nichts davon. Genau darüber diskutieren Jess und Daniel am Ende der Folge: Was sagt es über eine Liga, wenn sich das Schweigen mehr lohnt als die Wahrheit?
Wie seht ihr das? Hätte Bell Hapes spielen lassen müssen?
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