Kommentar: Wir Männer müssen beim Fall Justin Tucker sagen: So geht’s nicht
Ich bin seit Jahren Fan der Kansas City Chiefs. Ich habe ein Buch über Patrick Mahomes geschrieben, ich mache jede Woche einen Podcast über dieses Team. Und trotzdem habe ich in den letzten zwei Wochen viel Respekt vor Andy Reid und der Familie Hunt verloren. Der Grund ist Justin Tucker, den die Chiefs am 28. Oktober in ihren Practice Squad geholt haben.
„Er hat seine Sperre abgesessen“ reicht nicht
Sportlich ist die Logik schnell erklärt. Harrison Butker trifft in dieser Saison nur 67 Prozent seiner Field Goals, Tucker galt über Jahre als einer der besten Kicker der Liga-Geschichte. Ich verstehe, dass ein Team, das um den Super Bowl spielt, so einen Spieler haben will. Was ich nicht verstehe, ist die Haltung dahinter. Head Coach Andy Reid wurde nach dem Signing darauf angesprochen und sagte im Kern: Tucker hat seine Sperre abgesessen, die Sache ist erledigt, mehr möchte er dazu nicht sagen. Er habe sich informiert.
Das ist die Logik des Geschäfts: Strafe abgesessen, Akte geschlossen. Mit einer Haltung zu dem, was 16 Frauen erzählt haben, hat das nichts zu tun. Bei mir kam diese Antwort als Gleichgültigkeit an. Gleichgültigkeit gegenüber dem, was dieser Mensch getan haben soll, und gegenüber dem Zeichen, das so ein Signing an Frauen sendet.
Wichtig dabei: Eine Sperre nach der Personal Conduct Policy ist kein Gerichtsurteil. Dass es keinen Prozess gab, heißt aber nicht, dass nichts passiert ist. Die Liga hat nach eigener Untersuchung ein Fehlverhalten festgestellt, das eine Strafe rechtfertigt. Und wenn 16 Frauen unabhängig voneinander ähnliche Dinge schildern, muss ich als Fan nicht auf ein Urteil warten, um zu sagen: Diesen Spieler möchte ich in meinem Team nicht sehen.
Die Parallele zu Deshaun Watson ist frappierend

Wer den Fall Tucker liest, denkt sofort an Quarterback Deshaun Watson. Mehr als zwei Dutzend Massagetherapeutinnen hatten ihn wegen sexuellen Fehlverhaltens verklagt. Die Cleveland Browns gaben ihm 2022 trotzdem einen voll garantierten Vertrag über 230 Millionen Dollar, die NFL sperrte ihn für elf Spiele. Damals haben viele Fans, auch viele Chiefs-Fans, mit dem Finger auf Cleveland gezeigt. Jetzt passiert bei uns etwas sehr Ähnliches.
Das Muster ist dasselbe: Bei einer Behandlung, die der Gesundheit dienen soll, werden Grenzen überschritten. Und zwar von Stars, die sich offenbar sicher sind, dass sie sich das leisten können. Solange sie auf dem Feld helfen, finden sie ein Team, das ihnen eine neue Chance gibt.
Taylor Swift als Marketing nutzen und Tucker holen, das passt nicht zusammen

Seit Taylor Swift mit Tight End Travis Kelce zusammen ist, sind die Chiefs zu einem der bekanntesten Sportteams der Welt geworden. Davon haben alle profitiert: die Franchise, ihr Markenwert und die ganze NFL, die so viele junge Frauen wie nie zuvor erreicht hat. Wer das Business der Liga verfolgt, weiß, wie sehr das geholfen hat. Die Chiefs feiern Swift, sie zeigen sie in jeder Übertragung, sie nutzen sie als Zugpferd.
Kurios und bitter zugleich: Swift selbst hat sich gegen einen Übergriff gewehrt. 2013 griff ihr ein Radiomoderator aus Denver bei einem Fan-Treffen unter den Rock. Er verlor seinen Job, verklagte sie und verlor 2017 vor Gericht. Swift hatte im Gegenzug nur einen symbolischen Dollar gefordert, ihr ging es nicht um Geld. Danach sprach sie davon, wie wichtig es ist, Frauen zu glauben. Ein Team, das mit genau dieser Frau wirbt, holt jetzt einen Spieler, dem 16 Frauen Übergriffe vorwerfen. Das passt für mich nicht zusammen.
Kein Einzelfall bei den Chiefs
Tucker ist nicht der erste Fall, bei dem die Chiefs sportliche Interessen höher gewichten. Receiver Tyreek Hill bekannte sich 2015 schuldig, seine damals schwangere Freundin geschlagen und gewürgt zu haben, die Chiefs draften ihn ein Jahr später. Bei Running Back Kareem Hunt war es anders: Nach dem Video, auf dem er eine Frau stößt und tritt, entließen ihn die Chiefs 2018, er entschuldigte sich und arbeitete an sich. Das kann man als zweite Chance akzeptieren. Aber in der Summe entsteht ein Bild, das mir als Fan nicht gefällt.
Mein Co-Host Kolja hat es im Podcast gut zusammengefasst: Besitzer Clark Hunt hätte hier eine moralische Grenze ziehen müssen. Eine Franchise, die so viel über Werte und Familie spricht, muss auch Nein sagen können, wenn ein Spieler sportlich helfen würde. Und Ninia hat erzählt, dass es ihr als Frau zuletzt schwerfiel, das Chiefs-Trikot überzuziehen.
Wir Männer müssen Stellung beziehen
Jetzt kann man sagen: Wenn dich das so stört, dann hör doch auf mit dem Podcast und guck einen anderen Sport. Das ist für mich nicht die Lösung. Die Lösung ist, dass wir Fans laut sagen, dass wir das nicht wollen. Und dabei geht es vor allem um uns Männer. Bei allen Themen, in denen es um Übergriffe gegen Frauen geht, dürfen wir es nicht den Frauen überlassen, sich zu wehren. Wir Männer müssen sagen: So geht’s nicht. Und wir müssen klar Stellung beziehen, auch gegenüber dem eigenen Lieblingsteam.
Für mich ziehe ich daraus eine Konsequenz: Ich werde über Justin Tucker nicht positiv sprechen. Nicht im Podcast, nicht im Newsletter, nicht hier. Und wenn er irgendwann ein wichtiges Field Goal für die Chiefs trifft, werde ich jedes Mal daran erinnern, warum er überhaupt zehn Spiele gesperrt war. Das wird manche nerven. Aber diese Information darf nicht verloren gehen, nur weil ein Ball durch die Stangen fliegt.
Mehr zu diesem Thema gibt es in der aktuellen Folge von „Das Kingdom – Der deutsche Chiefs-Podcast“: Vercoacht?! Andy Reid & die bittere Chiefs-Niederlage gegen die Broncos.
Quellen: The Baltimore Banner, NFL, AP, ESPN

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1 Kommentar
Steffen Kuppe
Ich bin voll Daniels Meinung, aber finde auch das Butker mit seiner Aussage “Frauen gehören an den Herd” auch nicht so ein Vorbild ist für uns Fans. Aber langsam müssen die Chiefs was tun und müssen Tucker sofort entlassen. Die Lions haben es doch auch gemacht mit ihrem Cornerback und gleich entlassen. So sehe ich das als Fan und fände es von den Chiefs geil wenn sie den Fehler sofort beheben.