Wir schreiben das Jahr 2013. Der 47. Super Bowl steht vor der Tür und ich war auf Wolke 7. Die 49ers waren im Super Bowl, obwohl sich Mitte der Saison der nominale Starting Quarterback Alex Smith verletzte und ein völlig unbekannter Colin Kaepernick die Geschicke des Teams leitete. Aber das war egal, der Kader der Niners war gespickt mit Ausnahmespielern: Patrick Willis, Navorro Bowman, Vernon Davis, Frank Gore, Michael Crabtree und der aus dem Ruhestand zurück gekehrte Randy Moss…

Aber es war eben auch dieser Colin Kaepernick, dieser schlaksige Junge mit den Tattoos und der Kurzhaarfrisur! Das absolute Gegenstück zu Alex Smith, der diese Saison möglich gemacht hat.


Road to the Super Bowl

Nach einer 11-4-1 Saison hatten sich die 49ers eine First Round Bye erspielt und empfingen in der Divisional Round die Packers aus Green Bay. Schon während seiner sieben Regular Season-Games machte Kaepernick als neuartiger Dual-Threat-Quarterback von sich reden, aber was ihm in der Divisional Round gelang, hatte zuvor noch niemand gesehen. 181 Yards Rushing Yards (!!!) inklusive zweier Touchdowns sowie 263 Passing Yards und zwei Touchdowns standen für ihn zu Buche. Aaron Rodgers und seine Packers wurden mit 45 – 31 nach Hause geschickt.

Für das NFC Championship Game musste San Francisco nun zu den Falcons in den Georgia Dome fahren. Kaum war das Spiel in Atlanta angepfiffen, wurden die Niners auch schon von Julio Jones überrannt. Doch diesmal machte die Defense in der zweiten Halbzeit alles klar. Matt Ryan konnte sich dem Druck nicht entziehen und die Falcons brachten in der zweiten Hälfte keinen einzigen Punkt zu Stande: 24 – 28 für die 49ers.

Die Vorbereitung

Wie in jedem Jahr hatte ich natürlich auch für den Super Bowl 47 mit Freunden eine große Bowl-Party geplant. Es gab Bier, Whiskey und jede Menge Chicken Wings. Der Beamer lief heiß und eigentlich konnte mir nichts mehr die Stimmung versauen, außer die Baltimore Ravens…

Das Spiel

Nach einem kurzen ersten Drive der 49ers kamen die Ravens in den Ballbesitz und wenig später stand es 0 – 7. Joe Flacco hatte Anquan Boldin in der Endzone gefunden… Da hatte sich meine Laune zum ersten Mal verschlechtert, an sich war das ja aber noch kein großes Problem. Was dann aber im zweiten Viertel passierte, war eine Farce. Erst fumblete LaMichael James, was die Ravens wenig später zu einem Touchdown nutzten. Und direkt mit der nächsten Posession hat Kaepernick dann auch gleich eine völlig ungezwungene Interception geworfen… Halbzeitstand: 6 – 21. Laune: kaum ansprechbar.

Selbst eine gute Halbzeitshow von Beyoncé konnte an meinem Gemütszustand nichts ändern. Wie zum Teufel konnte sich dieses Team nur selbst so in die Scheiße reiten? „Naja, Hauptsache sie stoppen die Ravens jetzt, ist ja noch alles drin.“ Hatte ich mir eingeredet. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne Jacoby Jones gemacht. Die Nummer 12 der Ravens hatte den Kickoff weit in der eigenen Endzone gefangen, um ihn dann zum längsten Return-Touchdown der Super Bowl-Geschichte zurückzulaufen. Da war das Spiel für mich gelaufen. Chicken Wings wurden auf den Fernseher geworfen und es kam zu Ruhestörungsbeschwerden der Nachbarn. Verständnislose Pisser.

Blackout Bowl

Kaepernick bekam den Ball und musste nun Wunder vollbringen. Aber wie sollte das gehen, wenn man den ganzen Abend so scheiße gespielt hat? Es brauchte ein Wunder… Prompt – nach den ersten beiden Plays – ging der Strom im Stadion aus. Finsternis. Für 35 Minuten. Ich war kurz davor ins Bett zu gehen. „Scheiß auf das Spiel, ist eh vorbei“, dachte ich, habe aber natürlich weiter vor dem Fernseher gewartet.

Als der Strom wieder anging und das Spiel endlich weiter gehen konnte, waren die Spieler von San Francisco wie ausgewechselt. Die Pässe kamen an,  Frank Gore lief wie ein Besessener und Colin Kaepernick sah wieder wie der selbstbewusste Dual-Threat-Quarterback aus, der er die ganze Saison lang war. Zwei Touchdowns später ging es mit 28 – 23 in das letzte Viertel. Zu dem Zeitpunkt war ich wieder voll dabei. Wobei die Betonung mittlerweile wahrscheinlich auf VOLL lag…

Das Tattoo

Ich habe wieder an das Wunder von New Orleans geglaubt. Es wäre der nächste Rekord für dieses Team gewesen: Noch nie hat eine Mannschaft nach einem so hohen Rückstand noch den Super Bowl gewonnen. Aber ich war mir sicher, diese 49ers schaffen das!

Beim Stand von 31 – 23 war es dann soweit: San Francisco stand wieder vor der Endzone der Ravens. „Jetzt ausgleichen, dann gewinnen wir das Ding“ – schien mir die logische Schlussfolgerung. Dann machte Kaepernick das, was er bis heute am besten kann: Er hielt den Ball fest und sprintete 15 Yards durch die Ravens-Defense in die Endzone – Touchdown SF! Fuck Yes! Zwar hat Kaepernick leider den Pass zur 2-Point Conversion fünf Stockwerke über Randy Moss‘ Kopf geworfen, aber sie sollten noch eine Chance bekommen.

Nach einem Field Goal der Ravens führte der Hauptmann von Kaepernick sein Team noch ein letztes Mal vor die Endzone der Ravens. Zwei Minuten vor Schluss standen sie an der 5 Yard Linie der Ravens. „Wenn Sie jetzt den Super Bowl doch noch gewinnen, tätowiere ich mir eine 7 auf den Arsch“, war meine durch Bier und Whiskey inspirierte Aussage, die bei meinen Freunden auf helle Begeisterung stieß. Colin versuchte es mit einem Pass auf seinen #1 Receiver Crabtree: Inclomplete. Nochmal: Incomplete. „Aber da war doch Kontakt, wo bleibt die scheiß Flagge?“ Schließlich wurde Crabtree bei 4th & 5 aus der Endzone getacklet, bevor der Ball überhaupt in seiner Nähe war: Wieder keine Flagge: Turnover on Downs… Das Spiel war vorbei und ich mit den Nerven völlig am Ende.

Wie konnte der Football Gott mir so ein Spiel anbieten, um am Schluss die 49ers doch verlieren zu lassen? Das größte Comeback der Geschichte wurde uns geklaut. Aber zumindest habe ich  keine 7 auf dem Arsch…

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Remo
Geschrieben von Remo
Kurz und knackig zur Person: - abgeschlossenes Sportmanagementstudium - freier Sportjournalist/-marketer - Social-Media Ratte - 49ers-Fan - Berliner - Herthaner